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COVID-19 und AstraZeneca: Wie der Vektorimpfstoff seltene VITT-Thrombosen auslösen konnte. Blog#255

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Ein aktueller Fachartikel im New England Journal of Medicine ( NEJM, Februar 2026 ) liefert eine schlüssige molekulare Erklärung dafür, wie der AstraZeneca-Impfstoff in seltenen Fällen eine schwerwiegende Nebenwirkung, die sogenannte VITT (vakzininduzierte immunthrombotische Thrombozytopenie) auslösen konnte – eine Kombination aus Blutgerinnselbildung und Abfall der Blutplättchenzahl.  Die neuen Erkenntnisse zeigen, wie genetische Veranlagung und eine zufällige Fehlsteuerung bei der Antikörperreifung zusammen eine fehlgeleitete Immunreaktion begünstigen können. Dieses Verständnis hilft, frühere Impfstrategien heute präziser einzuordnen – und es liefert wichtige Hinweise für die Entwicklung künftiger, sichererer Impfstoffplattformen. Rückblick auf die Impfkampagne Während der COVID-19-Pandemie spielte der AstraZeneca-Vektorimpfstoff , der ein harmlos gemachtes Schimpansen-Adenovirus (ChAdOx1) als Transporter nutzt, um Körperzellen kurzzeitig die Bauanleitung für das SARS-CoV-2-Spik...

Epigenetik: Wie unsere Haut biologisch jünger werden kann. Blog#254

Unsere Haut altert nicht zwangsläufig durch Verschleiß. In jeder Hautzelle schlummert die Bauanleitung für ein jugendliches Gewebe. Durch die gezielte Reaktivierung dieser Gene können wir den biologischen Alterungsprozess unserer Haut heute nicht nur stoppen, sondern seine Spuren messbar wieder rückgängig machen. Tatsächlich besitzt unsere Haut auch im hohen Alter noch alle notwendigen Informationen für ein jugendliches Aussehen. In jeder einzelnen Zelle ist der komplette Bauplan für ein gesundes und straffes Gewebe gespeichert. Das bedeutet: Wenn wir altern, verschwindet dieser Bauplan nicht einfach. Das Problem besteht vielmehr darin, dass die Zellen den Zugriff auf diese Informationen verlieren.  Die biologische Realität der Hautalterung Die physiologischen Fakten sind eindeutig: Ab dem 40. Lebensjahr reduzieren die Fibroblasten (Bindegewebszellen) in der Lederhaut ihre Aktivität signifikant. Diese Zellen sind essenziell für die Produktion von Kollagenfasern, welche der Haut ihr...

Das Statin‑Paradoxon: Wenn Angst den Nutzen einer Therapie untergräbt. Blog#253

Statine gehören zu den am besten untersuchten Medikamenten überhaupt – und sie retten weltweit unzählige Menschen vor Herzinfarkt und Schlaganfall. Indem sie die Cholesterinproduktion in der Leber drosseln, senken sie das LDL‑Cholesterin und stabilisieren atherosklerotische Plaques. Gleichzeitig ist das Misstrauen gegenüber dieser Therapie groß: In der Praxis beenden etwa 20 bis 40 Prozent der Menschen ihre Statintherapie innerhalb der ersten ein bis zwei Jahre zumindest vorübergehend. In Befragungen ehemaliger Statin‑Anwender geben rund zwei Drittel von ihnen (vermutete) Nebenwirkungen als wichtigsten Grund dafür an – meist Muskelschmerzen oder die Angst davor.  Dieser Widerspruch zwischen belegtem Nutzen und gefühlter Gefahr führt dazu, dass viele Hochrisikopatienten ohne ausreichenden Schutz bleiben. Was große Studien wirklich zu Nebenwirkungen zeigen Die Datenlage zu Statinen ist außergewöhnlich gut. In streng kontrollierten, randomisierten Doppelblindstudien liegen die Raten f...

GLP-1-Gentherapie statt Abnehmspritze: Wie die Bauchspeicheldrüse zur Hormonfabrik gegen Adipositas wird. Blog#252

Die globale Zunahme von metabolischen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Adipositas stellt unsere Gesundheitssysteme vor eine Zerreißprobe. Trotz hochwirksamer neuer Medikamente scheitern viele Therapien an der langfristigen Anwendung. Neue gentherapeutische Ansätze könnten die Logik der Behandlung grundlegend verändern – wenn Sicherheit und Steuerbarkeit gelöst werden. Das Paradoxon der modernen Abnehmmedizin Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch unserer Zeit: Wir verfügen heute über hocheffektive Wirkstoffe wie Semaglutid oder Tirzepatid – die sogenannten Abnehmspritzen –, die eine neue Ära in der Behandlung von Übergewicht eingeleitet haben. Dennoch breitet sich die Adipositas-Epidemie fast ungebremst aus.  In Deutschland sind bei den Erwachsenen zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen von Übergewicht (BMI ≥ 25 kg/m²) betroffen, und etwa ein Viertel leidet unter Adipositas (BMI ≥ 30 kg/m²). Das Problem liegt nicht an der mangelnden Potenz dieser Mittel, sondern an ih...

KI richtig nutzen | Urteilskraft stärken statt Denken auslagern. Blog#251

Künstliche Intelligenz beschleunigt Routinen – und kann zugleich deine Urteilskraft schwächen, wenn du sie unkritisch einsetzt. Erforderlich ist ein klares Anwendungsmodell: Wiederkehrende Aufgaben mit geringem Zusatznutzen konsequent delegieren, Aufgaben mit hohem Entwicklungseffekt bewusst selbst bearbeiten und KI als verlässliches Werkzeug kalibrieren. So gewinnst du Fokus, Lerntiefe und bessere Entscheidungen. Viele Menschen erleben gerade dasselbe: Du hast mehr Zugriff auf Wissen als je zuvor – und trotzdem bleibt am Ende des Tages das Gefühl, viel getan und wenig bewegt zu haben. KI verstärkt dieses Spannungsfeld. Sie kann dir Zeit schenken. Sie kann dir aber auch die unangenehmen Denkanteile abnehmen, die dich eigentlich weiterbringen. Produktivität ist nicht gleich Fortschritt Das Muster ist simpel: Du hakst Aufgaben ab, bekommst kleine Erfolgssignale im Kopf – und verwechselst das mit Entwicklung. Das ist kein Charakterfehler. Dein Gehirn belohnt Abschluss, nicht Wirkung. Eine...

Nous-209 bei Lynch-Syndrom: Kann ein Impfstoff Darmkrebs vorbeugen? Blog#250

Ein Impfstoff, der Krebs nicht behandelt, sondern seine Entstehung verhindern soll: Was lange wie Science-Fiction wirkte, wird für eine klar definierte Risikogruppe erstmals klinisch prüfbar. Eine Phase‑1b/2‑Studie zu Nous‑209 untersucht, ob sich das Immunsystem von Menschen mit Lynch‑Syndrom so trainieren lässt, dass es sehr frühe Zellveränderungen erkennt, bevor daraus ein Tumor entsteht. Das Lynch‑Syndrom ist eine erbliche Tumorprädisposition, die etwa 1 von 300 Menschen betrifft. Betroffene haben – abhängig vom betroffenen Gen – ein deutlich erhöhtes Lebenszeitrisiko für bestimmte Krebserkrankungen, insbesondere für Darmkrebs. Entsprechend zentral ist eine engmaschige Vorsorge. Nous‑209 könnte langfristig eine weitere Möglichkeit zur Vorbeugung werden.

Arzneimittelentwicklung: Warum Innovation immer teurer wird – Eroom’s Law bei Small Molecules. Blog#249

Wir alle hoffen auf wirksamere und besser verträgliche Medikamente – gegen Krebs, Alzheimer, seltene Erkrankungen oder Volkskrankheiten wie Diabetes. Gleichzeitig wird die Entwicklung neuer Arzneimittel im Mittel immer langsamer, riskanter und teurer. Dieses Spannungsfeld beschreibt Eroom’s Law: Trotz rasanter Fortschritte bei Methoden, Daten und Technologie sinkt die Zahl der Neuzulassungen pro investiertem (inflationsbereinigtem) F&E-Dollar langfristig. Kurzfazit Fokus dieser “Blog-Serie”: Small Molecules (hier definiert als kleine organische Wirkstoffe < 800 Dalton). Eroom’s Law: Die Zahl neu zugelassener Wirkstoffe pro investierter F&E-Summe halbiert sich grob alle ~9 Jahre; für 1950–2010 wird ein Rückgang um etwa Faktor ~80 berichtet. Im Schnitt kostet die Entwicklung eines Medikaments bis zur Zulassung rund  2,2 Mrd. US-Dollar  –  inklusive Fehlschläge . Bei  komplexen Indikationen  liegt der Betrag oft  deutlich höher . Kernmechanismus: N...

Was GLP-1-Abnehmspritzen bei Sucht, Alzheimer und Depression leisten – und was (noch) nicht. Blog#248

Medikamente wie Wegovy (Wirkstoff: Semaglutid) und Mounjaro (Wirkstoff: Tirzepatid) gehören zur Klasse der GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA). Entwickelt wurden sie für Typ-2-Diabetes und später für die Behandlung von Adipositas ("Abnehmspritzen") . Inzwischen wird untersucht, ob GLP‑1‑RA über den Stoffwechsel hinaus auch das zentrale Nervensystem beeinflussen – mit potenzieller Relevanz für Suchterkrankungen (z. B. Alkoholgebrauchsstörung), kognitive Störungen (z. B. Alzheimer-Krankheit) und depressive Symptome (z. B. Anhedonie). Für Alkohol liegt inzwischen auch klinische Evidenz aus einer randomisierten Studie vor; weltweit laufen zudem zahlreiche (mehr als ein Dutzend) randomisierte Studienprogramme zur Suchtbehandlung. Wirkmechanismus: Wie gelangen die Moleküle ins Gehirn? Damit ein Medikament im Gehirn wirken kann, muss es meist die sogenannte Blut-Hirn-Schranke überwinden – eine Barriere, die das Gehirn vor schädlichen Stoffen im Blut schützt. GLP-1-Agonisten gelangen...

HRV: Herzfrequenzvariabilität als Marker für Stress und Regeneration. Blog#247

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In den letzten Jahren hat sich die Nutzung von Wearables an Handgelenk und Finger stark verbreitet. Smarte Ringe, Fitnessuhren und andere Wearables bringen Millionen Menschen täglich in Kontakt mit ihren eigenen Körperdaten: Schritte, Schlaf, Puls. Unter diesen Messwerten ist die Herzfrequenzvariabilität ( H eart R ate V ariability oder HRV ) besonders informativ. Sie beschreibt die kurzfristigen Schwankungen der Zeitabstände zwischen Herzschlägen und dient als Marker für Belastung und Regeneration. Ein gesundes Herz schlägt nicht wie ein Metronom Intuitiv klingt es plausibel: Ein starkes Herz müsste gleichmäßig schlagen. Tatsächlich ist es umgekehrt. Ein gesundes Herz zeigt feine Unregelmäßigkeiten – selbst in Ruhe. Wenn Dein Puls 60 Schläge pro Minute anzeigt, bedeutet das nicht, dass zwischen zwei Schlägen immer exakt 1,00 Sekunden liegen. In der Realität schwankt der Abstand: mal 0,85 Sekunden, mal 1,10. Diese minimalen Abstände zwischen zwei Herzschlägen (genauer: zwischen zwei R-...

Warum Tiefschlaf so wichtig ist: Nächtliche Gehirnreinigung und Alzheimer-Risiko. Blog#246

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Das Gehirn ist extrem stoffwechselaktiv und muss kontinuierlich Abbauprodukte und überschüssige Flüssigkeit abführen. Lange galt das Dogma, hierfür gebe es keinen eigenen Drainageweg – plausibel wegen Blut-Hirn-Schranke, fehlender „klassischer“ Lymphgefäße im Hirngewebe und begrenzter Nachweismethoden. Heute ist klar: Über glymphatische Transportwege und meningeale Lymphgefäße besteht eine funktionelle Anbindung an das Lymphsystem. Das glymphatische System: Wie das Gehirn Flüssigkeiten zum Abtransport nutzt Das glymphatische System lässt sich als gut organisiertes Reinigungssystem des Gehirns verstehen. Dabei strömt Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Liquor; engl. cerebrospinal fluid, CSF) entlang definierter perivaskulärer Räume an den Blutgefäßen in das Gehirn ein. Im Gewebe tauscht sie sich mit der interstitiellen Flüssigkeit zwischen den Nervenzellen aus, nimmt dabei gelöste Stoffwechselprodukte auf und wird anschließend über Abflussrouten wieder aus dem Gehirn herausgeleitet – un...